Dolmetschpraxis im Gerichtssaal

Wie läuft eine verdolmetschte Gerichtsverhandlung in der Praxis tatsächlich ab? Nicht nur die zum ersten Mal mit der Verdolmetschung eines Gerichtsprozesses beauftragten Kollegen stellen sich diese Frage. Auch für die übrigen Verfahrensbeteiligten sowie andere Interessierte ist es spannend zu erfahren, wie die Verständigung im Gerichtssaal mit Hilfe eines Dolmetschers aussieht.

Video Gerichtsdolmetschen

Wenn Sie sich eine Vorstellung davon machen möchten, wie das Gerichtsdolmetschen in der Praxis abläuft, können Sie sich in der BdueMediathek auf dem Youtube-Kanal des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer das Video Gerichtsdolmetschen heute – eine „gespielte“ Gerichtsverhandlung anschauen. Im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Nürnberg wurde eine Gerichtsverhandlung mit Einsatz von Dolmetschern simuliert. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die dort gezeigten Schwierigkeiten (der Angeklagte redet dazwischen, weiß alles besser und beleidigt die Verfahrensbeteiligten, der Zeuge möchte seine Personalien nicht angeben, der Dolmetscher muss neben den juristischen mit komplizierten medizinischen Fachausdrücken klarkommen und die Staatsanwältin liest die Anklageschrift im Höllentempo vor, ohne Rücksicht auf den Dolmetscher u.v.m.) tatsächlich in der Praxis auftreten.

Akteneinsicht

Allerdings gibt es auch zwei Punkte in diesen nachgespielten Video, die meiner Erfahrung nach der Realität in deutschen Gerichtssälen nicht entsprechen. Erstens passiert es leider immer noch selten, dass der Dolmetscher bereits vor der Verhandlung eine schriftliche Ausfertigung der Anklageschrift erhält, was die Verdolmetschung vereinfachen würde. Das gilt auch für weitere Schriftstücke wie zum Beispiel medizinische Gutachten, die dann in der mündlichen Verhandlung schnell vorgelesen werden. Vor allem beim Bereitschaftsgericht weiß der Dolmetscher vor dem Betreten des Gerichtssaals nicht einmal, um welche Straftat es gleich gehen wird. Es wäre daher wünschenswert, dass die Gerichte und Staatsanwaltschaften den Gerichtsdolmetschern Einsicht in die Akten gewähren, um eine entsprechende Vorbereitung auf die Dolmetschleistung zu erleichtern bzw. überhaupt zu ermöglichen. Ich versuche immer, wenn es zeitlich geht, im Vorfeld der Gerichtsverhandlung so viele Informationen wie möglich zu erhalten.

Notizblock

Der zweite Kritikpunkt zu dem oben erwähnten Video, den ich hier ansprechen möchte, betrifft das Fehlen eines Notizblocks bei beiden Dolmetschern. Ich persönlich traue keinem Dolmetscher, der ohne Heft und Stift zu einem Dolmetscheinsatz erscheint. Es ist nicht so, dass ich ein schlechtes Gedächtnis hätte. Die meisten Dolmetscher haben sich ein außergewöhnliches und für das Dolmetschen relevantes Kurzzeitgedächtnis antrainiert. Die Gefahr ist jedoch bei der riesen Anzahl an für den Dolmetscher zunächst unbekannten Fakten groß, dass sie im Eifer des Gefechts und in der Stresssituation wie dem Gerichtsdolmetschen trotz höchster Konzentration vergessen oder verdreht werden. Dies kann vor allem bei Zahlen, Namen, Bezeichnungen und Abkürzungen selbst einem Profi relativ schnell passieren. In Anbetracht der Fülle an Informationen, die schnell und kurz hintereinander zum ersten Mal erwähnt werden, ist es auch nicht verwunderlich. Hier schafft ein Stift, den man die ganze Zeit parat in der Hand hält und ein geeigneter Notizblock praktische und schnelle Abhilfe. Kein Dolmetscher schreibt alles auf und benutzt auch keine Stenographie, sondern eine spezielle Notiztechnik, die sehr individuell ist und dem Dolmetscher als Gedächtnisstütze dient.

Vielleicht liegt die Erklärung für diesen kleinen Fehler im Video darin, dass der Dolmetscher des Angeklagten gleichzeitig auch der Drehbuchautor des Kurzfilms war und somit alle Details ­ bereits kannte. Dadurch ist die Notwendigkeit einer Notiztechnik entfallen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der Dolmetscher auch  bei realen Einsätzen auf Notizblock und Stift verzichtet. Ich persönlich habe auf jeden Fall immer beides parat.

Realitätsnah

Ansonsten finde ich aber dieses Video sehr anschaulich. Es zeigt den Verlauf einer Gerichtsverhandlung unter Einsatz von Gerichtsdolmetschern. Es beinhaltet auch unvorhersehbare Situationen, mit denen sich die Dolmetscher auseinander setzen müssen, neben der komplizierten Rechtsterminologie. Wenn man sich das Video anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Dolmetschen sehr einfach ist, weil der Dolmetscher des Angeklagten flüssig spricht und sich mit den Fachbegriffen auskennt. Aber um auf einem hohen Niveau dolmetschen zu können, bedarf es einer einschlägigen Ausbildung und Erfahrung.

Ich persönlich übernehme Dolmetschaufträge für die Justiz sehr gerne und freue mich jedes Mal, zur Absicherung der Grundrechte der Betroffenen beizutragen und durch meine sprachliche und kulturelle Vermittlung für Rechtssicherheit und Gerechtigkeit zu sorgen.

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Die Autorin: Iva Mäder – Diplom-Übersetzerin und beeidigte Dolmetscherin
Kontakt: +49 30 64835590 | blog@dolmetschbar.de | www.dolmetschbar.de

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