Dolmetschen in Kriegsgebieten

Ich mag meine Arbeit sehr und dolmetsche äußerst gerne. Es gibt jedoch Situationen und Orte, an denen ich für kein Geld der Welt dolmetschen wollen würde. Dazu gehört eindeutig das Dolmetschen in Kriegsgebieten. In den Ländern, in denen meine Arbeitssprachen Tschechisch, Polnisch und Slowakisch gesprochen werden, wird zum Glück kein Krieg geführt. Umso mehr bewundere ich die Kollegen, die unter Einsatz ihres Lebens für die Verständigung in gefährlichen Regionen sorgen. In Afghanistan zum Beispiel.

Afghanische Dolmetscher

Rund 3.000 Afghanen arbeiten im Rahmen des deutschen Engagements in Afghanistan,  darunter 375 Dolmetscher der Bundeswehr. Sie unterstützen sprachlich die deutschen Streitkräfte und leisten dadurch einen wichtigen Beitrag zum Frieden. Ohne die Leistung dieser Ortskräfte wäre eine effiziente Arbeit der Schutztruppe nicht möglich. Die gefährliche Situation der Dolmetscher endet jedoch nicht mit dem Abzug der Truppen. Im Gegenteil! Aufgrund ihres Einsatzes für die Bundeswehr werden sie von den Taliban als Verräter angesehen. Nicht nur die Dolmetscher selbst, sondern auch ihre Familien gehören zu den am meisten gefährdeten Personengruppen nach dem Abzug der Afghanistan Schutztruppe ISAF.

Schwere Bedingungen für Asyl

Es sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, nach dem Abzug die unter Lebensgefahr geleistete Arbeit entsprechend anzuerkennen und für die Sicherheit der Dolmetscher und ihrer Familien zu sorgen. Aus unzähligen Zeitungsartikeln wie z.B. bei Spiegel Online wissen wir jedoch, dass im Unterschied zu anderen Staaten ein Asylantrag in Deutschland für afghanische Dolmetscher mit hohen Hürden verknüpft ist. Die Dolmetscher  müssen nachweisen, dass sie sich in einer persönlichen Gefährdungslage befinden, zum Beispiel in Form einer schriftlichen Morddrohung. Da solche Beweise realitätsfern sind, wurden bisher alle Anträge durch die zuständige interministerielle Arbeitsgruppe abgewiesen.

Forderung der Berufsverbände

Es ist daher sehr begrüßenswert, dass sich jetzt auch der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) zusammen mit dem Internationalen Verband der Konferenzdolmetscher (AIIC) in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt und ein vereinfachtes Asylverfahren für die afghanischen Dolmetscher der Bundeswehr aus dringenden humanitären Gründen gefordert haben. Laut der AIIC-Präsidentin Linda Fitchett ist “Deutschland in der Pflicht, denjenigen von ihnen, die der Bundeswehr gedient haben, ein Aufenthaltsrecht aus dringenden humanitären Gründen nach § 22 des deutschen Aufenthaltsgesetzes zu gewähren”.

Die Berufsverbände AIIC und BDÜ werden bei ihrem Einsatz für eine bessere rechtliche Ausstattung von Dolmetschern in Kriegsgebieten vom Weltübersetzerverband (FIT), dem Internationalen Verband professioneller Übersetzer und Dolmetscher (IAPTI) und Red T, einer gemeinnützigen Organisation für den Schutz von Übersetzern und Dolmetschern in hochrisikogefährdeten Einsätzen, unterstützt.

Den offenen Brief der Verbände an Bundeskanzlerin Merkel können Sie hier in englischer Fassung oder in deutscher Übersetzung nachlesen.

________
Die Autorin: Iva Mäder – Diplom-Übersetzerin und beeidigte Dolmetscherin
Kontakt: +49 30 64835590 | blog@dolmetschbar.de | www.dolmetschbar.de

Dieser Beitrag wurde unter Übersetzen & Dolmetschen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Dolmetschen in Kriegsgebieten

  1. Auch ich bin leidenschaftliche Dolmetscherin, allerdings für die Sprachen Russisch/Englisch aus denen und in die ich dolmetsche. Ich schätze an meiner Arbeit die Vielfalt der Themenbereiche in denen ich arbeite. Ich lerne immer viel dazu, wenn ich mich auf meine Dolmetscheinsätze vorbereite bzw. diese dann nachbereite. So kommt nie Langeweile auf. Jedoch würde auch ich es ablehnen in Kriegsgebieten eingesetzt zu werden, da ich Verantwortung für mein Kind trage und kriegerische Auseinandersetzungen ablehne.

  2. Dolmetschbar sagt:

    Umso mehr müsste der Einsatz mutiger Dolmetscher geschätzt und gewürdigt werden. Schließlich geht es um die Unterstützung des Friedens, der nur durch Kommunikation gelingen kann. Ein Asyl für die afghanischen Dolmetscher wäre daher mehr als angebracht.

  3. Anton Groß sagt:

    Hallo, zuerst einmal: Sehr interessanter Blog und Artikel! An die gefährlichen Einsätze von Dolmetschern denkt man gar nicht – von allein kommt man da nicht drauf.
    Ein Dolmetscher ist für mich persönlich etwas ganz Großartiges – mit Kommunikation kann man alles bewegen und beherrschen. Jeder muss aber für sich selbst entscheiden, wie weit er gehen mag und inwiefern derjenige auch Verantwortung trägt.

  4. Pingback: Zwischen Welten | Dolmetschbar-Blog

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>